„Entspannung beginnt im Kopf“, so der Stresscoach (Teil 2)

  • Martina
  • September 24, 2019
  • 10 min

Seit mehr als 15 Jahren gehört Brigitte Zadrobilek als Stresscoach zu den ersten Playern und Verfechterinnen der Gesundheitsförderung und der Stressprävention in großen Unternehmen und internationalen Konzernen. Wir haben sie zu einem Gespräch gebeten und erfahren, wie man stresskompetenter wird und in Spitzenzeiten gelassen bleibt. Außerdem hat sie uns verraten, wie wir ein wenig Urlaub mit in unseren Alltag bringen können.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Sie haben erwähnt, dass der Sei-perfekt-Antreiber – der auch gern in der Chefetage vorzufinden ist – ein gutes Zeitmanagement benötigt, um mit möglichst wenig Stress durch den Tag zu kommen. Nun verstehen wir unter Zeitmanagement, dass wir die zur Verfügung stehende Zeit möglichst produktiv nutzen sollten. Unterschiedliche Methoden wie die Getting Things Done oder die ALPEN-Methode sollen uns vor Zeitverschwendungen jeglicher Art schützen. Ist das auch die Spielwiese, derer sich der Stressmanager oder die Stressmanagerin bedient?

Ich sage es mal so: Das klassische Zeitmanagement nach der ALPEN-Methode ist nicht immer jedermanns Sache. Ich meine, dass es auch in Ordnung ist, mit Post its oder einem Farbleitsystem zu arbeiten. Wichtig ist, dass jeder seine Ziele kennt, plant und verfolgt! Wie man es tut – elektronisch, digital, am Post it oder mit einem herkömmlichen Kalender – ist egal. Ich glaube in der heutigen Zeit, die von Instabilität und Change geprägt ist, müssen wir flexibel bleiben. Insbesondere, wo wir neben unserer Kernrolle auch so viele andere Rollen zu erfüllen haben. Und diese Rollenvielfalt ist höher als früher, weil es mehr – vielleicht auch hausgemachte – Projekte gibt.

Was bedeutet das für die Führungsrolle?

Früher hat sich die Führungskraft nicht mit Gesundheitsthemen, den Herausforderungen der Digitalisierung oder mit der Arbeitsplatzevaluierung auseinandersetzen müssen. Die Arbeitsvielfalt ist größer geworden und wir sollten darauf achten, flexibler zu werden und uns nicht zu Tode zu planen. Nach dem Motto: Die wichtigsten Aufgaben angehen, aber den Tag dabei nicht verplanen.

Den zeitlichen Puffer für flexibles Handeln nicht aus dem Auge verlieren!

Ich erlebe oft, dass in den Unternehmen wahre Meeting-Marathons – ohne oder nur mit sehr kurzen Pausen dazwischen – stattfinden. Zur Arbeit am eigenen Schreibtisch kommen die meisten dann erst ab 17 Uhr oder zuhause.

Da beginnt dann erst die Umsetzung.

Das stimmt, weil wir und vor allem sehr viele Führungskräfte so durchgetaktet sind oder von den anderen verplant werden. Ich werde ja oft durch meine Rollen, die ich innehabe, von anderen verplant. Und noch was: Die meiste Energie verpufft meiner Meinung nach, weil Meetings gerade dann stattfinden, wenn ich am leistungsfähigsten bin. Und das ist bekanntlich am Vormittag bis 12 oder 13 Uhr. Wenn ich diese Zeit in Meetings verbringe und dabei auch noch viel sitze, dann kann es sein, dass sich mein Gehirn besonders plagen muss. Daher: Bei der Planung auch auf die eigenen Leistungskurven, Bio- und Leistungsrhythmen zu achten, wirkt sich förderlich auf einen effizienten Energiehaushalt aus.

Wenn wir von Stress sprechen, so meinen wir meist den negativen als Auslöser von Anspannungen, Konzentrationsstörungen und Krankheiten, die bis ins Burnout führen können.

Korrekt. Das ist ein recht komplexes Thema. Also: Stress per se ist ja nicht schlecht! Wir brauchen Stresshormone, sonst würden wir in der Früh nicht in die Gänge kommen. Der Stress – in einer gesunden Dosis – macht uns achtsam, leistungsfähig und beflügelt uns. Wie bei jeder Menge kommt es auch hier auf die Dosis selbst, die Länge und die Intensität der Dosis darauf an. Trotz allem ist es wichtig, dass ich Stress immer dann abbaue, wann er da ist!

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie wir Anspannung mittels der Frequenz der Gehirnwellen messen können. Können Sie uns mehr verraten und auch dazu, wie wir unserem Gehirn zu mehr Wellness auf der einen und zu mehr Produktivität auf der anderen Seite verhelfen können?

Unser Gehirn arbeitet am produktivsten im Alpha- bis Medium-Beta-Bereich, das ist eine Frequenz zwischen 8 bis ca. 25 Hz. Da arbeitet unser Gehirn am ökonomischsten. Die Informationen, die ich gespeichert habe, sind dann am besten abrufbar. Ich kann sachlich gut denken und bin kreativ.

Je mehr ich in den Stress komme, desto höher werden auch die Frequenzen. Das kann mit sich bringen, dass ich nicht klar denken kann, meine Gedanken springen oder ich mich nicht konzentrieren kann. Dann entstehen Gedächtnislücken. Das Gehirn kann nur das abrufen, was wir speichern. Wenn wir uns in der Sache – im Moment – konzentrieren, dann wird das auch unser Gehirn später abrufen können. Natürlich ist das auch umgekehrt der Fall!

Was raten Sie uns?

Vor und in Stresssituationen das Gehirn und somit auch die Gehirnzellen zu beruhigen. Dabei können einfache Übungen unterstützen wie:

  • eine Atemübung
  • ein Glas Wasser trinken
  • das Fenster öffnen
  • Frischluft tanken
  • Brainmoves® oder Gehirnintegrationsübungen machen

Bei den Gehirntrainingsübungen geht es im Grunde darum, die Finger der rechten Hand etwas anderes machen zu lassen als jene der linken Hand. Beispiele dafür sind Fingeryoga, Fingerklavier oder das Daumenspiel. Dabei wird die Durchblutung in unserem Gehirn aktiviert und Informationen lassen sich besser speichern und abrufen.

Ganz einfache Mittelchen, die ich täglich am Arbeitsplatz integrieren kann.

Genau. Eine weitere Übung: Man nimmt die Maus des PCs, wenn ich am Arbeitsplatz sitze, in die linke Hand und versuche, ein Dokument zu öffnen. Man macht einfach mit der nicht dominanten Hand Griffe im Alltag, was wiederum auch die andere Gehirnhälfte aktiviert und zum Zusammenspiel beider Gehirnhälften beiträgt.

Nicht immer das Gleiche machen – wie im Urlaub.

Ja, genau. Unser Gehirn lernt dazu. Die einfachste Übung, um die Gehirnwellen in den ruhigeren Frequenzbereich zu bringen ist, die Augen zu schließen und geistig sich an einen schönen Urlaubsort zu denken.

Das ist ein bisschen wie Tagträumen. Oder?

Ja, Tagträumen oder Kopfkino. Dabei denken wir automatisch an etwas, das uns guttut.

Das allein klingt schon entspannend. Ich habe in Ihrem Buch auch von Digital Detox gelesen. Wie kann man sich das nun im Alltag vorstellen? Funktioniert so etwas auch in einem Büro? Findet man in Unternehmen auch non-digitale Zonen oder Regeln? Oder ist diese Vorstellung im Zeitalter der Digitalisierung geradezu absurd?

Das ist natürlich auch ein komplexes Thema. Die Technik an sich ist ja nicht schlecht. Wenn wir etwas verteufeln sollten, dann nicht die Technik per se, sondern den Umgang damit. Das subjektive Gefühl zum Beispiel, ständig erreichbar sein zu müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir dabei wirklich erreichbar sein müssen.

Haben Sie Beispiele für uns?

Paradeunternehmen finden wir in der Autobranche: Meines Wissens hat man bei BMW und bei Mercedes Benz das System so programmiert, dass wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin auf Urlaub ist, die ankommenden E-Mails mit einer Information an den Absender gelöscht wurden. Dieser konnte sich dann an jemand anders im Unternehmen wenden und der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin, wenn er oder sie zurückkommt, ein leeres Postfach vorfindet. Warum dieser Aufwand? Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass der erste Tag nach dem Urlaub für viele besonders stressig ist, weil der Kalender vollgestopft mit Meetings ist. Daher beginnen wir erfahrungsgemäß bereits am Ende des Urlaubs, unsere E-Mails zu bearbeiten. Außerdem gibt es bereits Policies in Firmen, dass am Wochenende versendete E-Mails von Führungskräften an die Belegschaft vom Server erst am Montag weitergeleitet werden. Technisch gesehen ist das möglich. Genauso gut können auch Störfaktoren wie Push-Nachrichten am Handy gezielt gesteuert werden. All dies sind ständige Ablenkungen und Störfaktoren, wo wir immer länger brauchen, wieder in eine Sache hineinzufinden. Ich muss ja nicht gleich das Handy verteufeln oder 100 % Digital Detox betreiben. Auch hier dreht sich alles um die Eigenverantwortung!

Indem ich auch mir selbst sage, dass es auch okay ist.

Genau, es ist okay! Und wenn wir in einem Meeting sind, dann sind wir in einem Meeting. Ich muss ja nicht ständig erreichbar sein. Genauso ist das beim Mittagessen. Was signalisiere ich, wenn ich immer online bin? Dass ich ständig erreichbar bin. Auch, wenn ich in der U-Bahn sitze oder mit dem Auto fahre.

Liebe Frau Zadrobilek, was möchten Sie uns abschließend noch mit auf den Weg geben?

Dass Entschleunigung und Erholung – ohne dabei etwas erreichen zu müssen (!) – eine essenzielle Rolle in der Stressprävention spielt. Wir alle sollten lernen, vielmehr zu chillen und die Muse zu genießen und dabei auf uns selbst zu achten!

Ich danke Ihnen vielmals für dieses interessante und aufschlussreiche Gespräch, liebe Frau Zadrobilek!

Ich danke Ihnen!


Zur Person: Mag. Brigitte Zadrobilek

Brigitte Zadrobilek Interview Stressoach kununu engage Blog

Mag. Brigitte Zadrobilek, MBA ist langjährige Expertin für Stress- und Burnoutprävention für Unternehmen und Organisationen und ist als Wirtschaftstrainerin, Coach und Beraterin für Betriebliches Gesundheitsmanagement tätig.

Mehr Infos unter www.stresscoach.at

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