„Entspannung beginnt im Kopf“, so der Stresscoach (Teil 1)

  • Martina
  • September 17, 2019
  • 10 min

Seit mehr als 15 Jahren gehört Brigitte Zadrobilek als Stresscoach zu den ersten Playern und Verfechterinnen der Gesundheitsförderung und der Stressprävention in großen Unternehmen und internationalen Konzernen. Wir haben sie zu einem Gespräch gebeten und erfahren, wie man stresskompetenter wird und in Spitzenzeiten gelassen bleibt. Außerdem hat sie uns verraten, wie wir ein wenig Urlaub mit in unseren Alltag bringen können.

Liebe Frau Zadrobilek, wenn man sich aktuelle Studien zum Thema Gesundheit am Arbeitsplatz ansieht, so sind wir vom Wohlfühlunternehmen oder vom Wohlbefinden – Well-being – der Menschen in einem Unternehmen noch weit entfernt. Mehr noch: Viele haben eine klarere Vorstellung von Krankheit als von Gesundheit.
Wo setzen Sie als Beraterin in einem Betrieb an, in dem die Menschen „unter Strom“ stehen, unter Termindruck leiden oder von einem Meeting zum nächsten hetzen?

In der betrieblichen Gesundheitsförderung setzen wir auf zwei Präventionsebenen an: das eine ist die Verhältnis- und das andere die Verhaltensprävention.

In der Verhältnisprävention schaffe ich als Führungskraft Rahmenbedingungen, die ein möglichst stressfreies Arbeiten ermöglichen. Diese Rahmenbedingungen haben unter anderem auch Einfluss auf die Organisations- und auf die Führungskräfteentwicklung. Gesundes Führen ist so ein Beispiel, wo psychische Arbeitsplatzevaluierungen genauso wichtig sind wie die Mitarbeiterbefragungen zur Arbeitsplatzgestaltung.

Auf der anderen Seite appelliere ich an die Eigenverantwortung, die jeder Mensch im Unternehmen innehat. Egal, auf welcher hierarchischen Ebene wir uns befinden, jede oder jeder von uns trägt Sorge, gut auf sich und auf die eigenen Grundbedürfnisse zu achten. Stichwort: Selbstfürsorge! Sie schlägt sich beispielsweise im persönlichen Pausenmanagement nieder, das einem mehrere Mikropausen pro Tag ermöglicht. Außerdem ist es wichtig, mit (!) der Leistungskurve und nicht dagegen zu arbeiten sowie die eigenen inneren Antreiber als Persönlichkeitsanteile zu kennen. Letztere wirken sich zudem in Spitzenzeiten als Stressverstärker aus.

Können Sie uns verraten, von welchen inneren Antreibern hier die Rede ist?

Gern, das sind insgesamt fünf Haupt-Antreiber, die Stress in uns verstärken können.

  • Sei-perfekt
  • Mach-schnell
  • Mach-es-allen-recht
  • Sei-stark
  • Streng-dich-an

Es ist gut, wenn man seine inneren Antreiber kennt und in Spitzenzeiten bewusst dagegen steuert.

Zum Beispiel setzt der Sei-perfekt-Antreiber unter Druck, weil er alles perfekt erledigt haben möchte. Die Person mit diesem Anteil kann oft das Wichtige vom Dringenden nicht mehr unterscheiden, weil für sie alles wichtig ist. Und so verliert sie sich noch mehr in den Details, kommt zusehends unter Zeitdruck und nimmt die Arbeit mit nach Hause. Besonders Führungskräfte sind von diesem Hauptantreiber betroffen und wollen in Spitzenzeiten alles noch perfekter erledigt wissen.

Und das bedeutet: Das ist kontraproduktiv für die Erholung.

Ja, genau. Für den Sei-perfekt-Anteil in uns spielt klassisches Zeitmanagement eine essenzielle Rolle, indem man sich helfen kann und sagt:

„Konzentriere dich auf die 20 Prozent deiner Tätigkeit, die bereits 80 Prozent deiner Arbeit ausmachen.“

Wie verhält sich das beim Mach-schnell-Antreiber? Hat man mit diesem Anteil in sich das Gefühl, alles noch viel schneller erledigen zu müssen, wenn man Stress hat?

Ja, der Mach-schnell-Anteil in uns will – wie die anderen Antreiber bei Stress übrigens auch – noch mehr von demselben, was uns ohnehin nicht guttut. Das bedeutet, dass wir insgesamt noch schneller, hektischer und nervöser werden. Die Mach-schnell-Persönlichkeit versucht, viele Dinge gleichzeitig zu machen und hört auch nicht mehr wirklich zu, weil sie gedanklich bereits woanders ist. So entstehen Konflikte, weil man diesen Druck oft auch seinen Mitarbeiterinnen und Kollegen umhängt.

Und der Mach-es-allen-recht-Antreiber in uns … der macht alles.

Richtig. Dieser Antreiber hat Schwierigkeiten, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Der Mach-es-allen-recht-Persönlichkeitsanteil signalisiert den anderen ein Ja, bekommt somit noch mehr Zusatzaufgaben und läuft dabei Gefahr, ausgenutzt zu werden.

Wie sieht es mit der Urlaubserholung aus, die wir so lang wie möglich mit in den Alltag nehmen möchten? In einem Zeit Online-Interview sagte die deutsche Psychologin Ilona Bürgel, dass der Erholungseffekt nach ein bis zwei Wochen in der Arbeit wieder verfliegt. Und das unabhängig davon, wie lange man Urlaub gemacht hat. Können Sie dieser Aussage als Stresscoach und Autorin des druckfrischen Buchs „Urlaubsfeeling im Büro. Entspannung und kleine Auszeiten für jeden Tag“ zustimmen?

Zunächst besagt die Urlaubsforschung von Jessica de Bloom, dass der Erholungswert im Urlaub bereits nach einer Woche erreicht ist. Früher ist man davon ausgegangen, dass man dafür zwei bis drei Wochen braucht. Prinzipiell stimme ich jedoch der Aussage zu, dass der Erholungseffekt unabhängig davon ist, wie lange man Urlaub macht.

Wenn (!) ich subjektiv das Gefühl entwickle, mich gut erholt zu haben!

Das kann in drei Tagen, in einer oder in drei Wochen der Fall sein. Das empfindet jede oder jeder unterschiedlich.

Oder auch nicht.

Oder auch nicht. Ganz genau! Ich kann zum Beispiel eine Amerika-Rundreise machen oder drei Wochen im Amazonas-Delta unterwegs sein und trotzdem nicht das Gefühl haben, mich gut erholt zu haben. Warum? Weil ich dazwischen vielleicht zu wenige Erholungspausen gemacht habe und mein Tagesablauf durchgetaktet war.

Das sind diejenigen, die dann vielleicht sogar Urlaub vom Urlaub brauchen.

Ja, dass jemand nach dem Urlaub erst recht wieder Urlaub bräuchte, das höre ich oft. Obendrein ist es nach drei Wochen schwieriger, wieder in den Arbeitsprozess zurückzufinden als beispielsweise nach nur drei Tagen.

Das stimmt. Wahrscheinlich kommt es auch darauf an, welcher Urlaubstyp man ist.

Natürlich! Wobei ich der Meinung bin, dass ein Urlaubs-Mix immer wichtig und interessant ist. Also von allem ein bisschen: Wellness, Bewegungsurlaub, Kultur. Oder einfach Urlaub zuhause, was viele auch erst lernen müssen. Das Motto einer hohen Stresskompetenz lautet: Nicht immer das Gleiche machen, sondern einen interessanten Mix gestalten und auch etwas Neues ausprobieren!
Raus aus der Komfortzone und etwas tun, was man noch nie gemacht hat!
Wichtig ist, den Urlaub selbst zu planen und nicht immer planen zu lassen. Vielleicht einmal einen Flug buchen und vor Ort einfach weiterziehen. Wenn wir Jahr für Jahr denselben Ort aufsuchen, dann ist das zwar bequem und schön, aber es erhöht nicht unbedingt unsere Stresskompetenz.

Warum eigentlich?
Weil wir unser Komfortzone nicht verlassen müssen und uns wie gewohnt bewegen.

Dann wird auch das „Urlauben“ zur Routine!

Genau, es wird zur Routine. Es kann sein, dass ich mich dann dort gar nicht mehr so gut erholen kann. Das ist natürlich sehr individuell wie die Urlaubsplanung an sich auch.

Sie schreiben von der Leisure Sickness, also dem Krankwerden im Urlaub. Was möchten Sie denjenigen von uns mit auf den Weg geben, die im Urlaub krank geworden sind und es im nächsten Urlaub nicht mehr sein wollen? 

Vor allem die Rushhour vor dem Urlaubsantritt gut im Auge zu behalten. Die Zeit vor dem Urlaub ist für die meisten eine sehr stressige Zeit. Es gilt, vieles unter einen Hut zu bringen, zu delegieren und vorzuarbeiten, damit die Vertretung nicht nacharbeiten muss. Obendrein kommt noch die Urlaubsorganisation dazu, die je nach Reiseziel und -dauer unterschiedlich aufwendig sein kann. Natürlich spielen hier die bereits erwähnten Perfektionsansprüche mit, die allerdings gegen den Mut zur Lücke getauscht werden können.

Generell ist darauf zu achten, dass…

  • wir nicht vergessen, uns zu erholen,
  • wir uns nicht selbst unseres Schlafs berauben,
  • wir das Wochenende zum Erholen nutzen und
  • wir mit der Urlaubsplanung rechtzeitig beginnen!

Abgesehen vom Stress vorm oder im Urlaub: Entschleunigung ist das nachhaltige Ziel! Wie befähigen Sie Ihre Kunden dazu, langfristig zu gesunden und stresskompetenten Führungspersönlichkeiten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu werden?

Das Ziel und die Wunschvorstellung sind, in die Prävention zu kommen. Besonders dort, wo der Leidensdruck groß geworden ist. Das bedeutet, dass wir daran arbeiten sollten, die eigene Stresskompetenz zu erweitern und zu wissen, wie wir bei Stress reagieren und welcher der Werkzeuge wir uns aus dem Methodenkoffer bedienen können. Sofort und in diesem Moment! Und nicht erst am Abend, am Wochenende oder gar erst im Urlaub. Sich folgende Fragen stellen, um die Gehirnwellen zu beruhigen: Was brauche ich in Spitzenzeiten? Wie kann ich meine Batterien wieder aufladen? Welche Art von Bewegung tut mir gut? Achtung!

Auspowern ist kontraproduktiv für den Stressabbau!

Viele glauben, dass das Auspowern nach einem anstrengenden Arbeitstag des Rätsels Lösung ist.

Nicht?

Nein, all jene muss ich leider enttäuschen. Auspowern á la Ich-muss-noch-schnell-10-km-laufen-und-für-den-Marathon-trainiern ist kontraproduktiv. Bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte das Auspowern nicht verteufeln, aber alles was wir mit Druck und Wettkampfcharakter machen, ist tatsächlich kontraproduktiv für unseren Stressabbau. Wieso nicht einen halbstündigen Powerwalk in der Natur einplanen, und das ohne ein Ziel erreichen zu müssen? Auch moderate Bewegung kann unsere Gehirnwellen beruhigen und für Entspannung sorgen.

    Mit den folgenden, goldenen Drei habe ich die „halbe Miete“ schon beglichen:

  • Bewegung
  • Entspannung
  • Mentalarbeit

Es liegt an unserer Eigenverantwortung, an der Sichtweise, am Denken und an unserer Haltung, ob wir in Spitzenzeiten untergehen oder auf der „Welle“ surfen lernen.

Auf der Welle surfen lernen!

Wir bestimmen selbst, wie wir uns da durchnavigieren.

Teil 2 des Interviews erscheint am 24.09.2019.

Zur Person: Mag. Brigitte Zadrobilek

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Mag. Brigitte Zadrobilek, MBA ist langjährige Expertin für Stress- und Burnoutprävention für Unternehmen und Organisationen und ist als Wirtschaftstrainerin, Coach und Beraterin für Betriebliches Gesundheitsmanagement tätig.

Mehr Infos unter www.stresscoach.at

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