Diagnose Burnout: Wieso uns sinnerfülltes Arbeiten davor schützt

  • Martina
  • März 27, 2019
  • 11 min

Stress ist, wenn man schreiend aufwacht und bemerkt, dass man noch gar nicht eingeschlafen war.“ Treffender als der Publizist Willy Meurer hätten wir Stress als den unberechenbaren Verbündeten des Burnouts nicht beschreiben können. Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Wie konnte es bloß so weit kommen? Wer nun einen medizinisch fundierten Artikel über Burnout-Prävention erwartet, den/die müssen wir enttäuschen. Dafür gibt es Profis. Warum wir uns dennoch an dieses ernste Thema heranwagen und welche Rollen dabei ein Vortrag, ein Stelleninserat und Sebastian Fitzeks druckfrisches Buch spielten, erfährst du hier.


Burnout: die emotionale Erschöpfung

Menschen brauchen sinnvolle Aufgaben, um gesund zu bleiben. Das hat uns auch der jüngste AOK-Fehlzeiten-Report 2018 bestätigt. Siehe dazu unser Beitrag „Hauptsache gesund: Warum Wohlfühlfirmen erfolgreicher sind“. Wir rufen uns in Erinnerung, dass in diesem Bericht Erschöpfungs- und Burnout-Erscheinungen an zweiter (!) Stelle nach den Rücken- und Gelenkschmerzen genannt werden. Wir sehen, dass das erst der Anfang ist. Doch sind alle Erschöpfungserscheinungen und Depressionen gleichzusetzen mit einem Burnout? Wo beginnt Burnout und bis wohin ist es eine vorübergehende Ermüdung, derer wir uns aus eigener Kraft wieder entledigen können?

Es wird Zeit für eine Begriffsdefinition und wir müssen erkennen, dass deren Eindeutigkeit ins Wanken gerät, je näher wir uns mit dem Terminus auseinandersetzen. Wir versuchen es bei der deutschen Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsförderung – DGPG, die über die Definition der ICD (Internationale Klassifikation der Erkrankungen) vom „Ausgebranntsein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ hinweg schließlich schlussfolgert:

„Was ist Burnout dann? Aus unserer Sicht eine Symptomatik, die als chronischer Erschöpfungszustand empfunden wird und die bei mangelnder Intervention zu Folgeerkrankungen im seelischen und körperlichen Bereich führt. Häufig gibt es eine starke emotionale Verbindung mit der Arbeit, die eine große Rolle spielt. (…)“

Als einen „Zustand emotionaler Erschöpfung am Beruf“ sieht ihn auch die viel zitierte Ina Rösing (in Ulrich Scherrmann in Stress und Burnout in Organisationen, Springer Verlag, 2015, S. 8) und spricht weiters von „negativen Einstellungen zum Beruf“, denen sich unter anderem auch ein „erheblich reduziertes Selbstwertgefühl in Bezug auf die eigene berufsbezogene Leistungsfähigkeit“ hinzugesellt.

Besonders hellhörig werden lässt uns der Nachsatz der DGPG. Darin wird betont, dass Burnout gefährlich und lebensbedrohlich sein kann. Wir müssen zugeben, dass auch wir die Ernsthaftigkeit dieser Erkrankung unterschätzt haben. Niemand wird je verstehen können, durch welche Hölle Betroffene und deren Angehörige hier gehen müssen.

Die 12 Phasen nach Freudenberger & North

Wir versuchen zu verstehen, welchen Verlauf dieser Erschöpfungszustand nimmt, und haben uns die 12 Phasen vom Begründer des Begriffs „Burnout“ (1974), dem deutschstämmigen amerikanischen Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger, genauer angesehen.

Die 12 Phasen (mit gekürztem Text nach der Arbeitspsychologin Dr. Elisabeth Ponocny-Seliger, Gender Research) bestehen aus:

  1. Der Zwang, sich zu beweisen
  2. Verstärkter Einsatz
  3. Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
  4. Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen
  5. Umdeutung von Werten
  6. Verleugnung der Probleme
  7. Rückzug
  8. Verhaltensänderung
  9. Depersonalisation
  10. Innere Leere
  11. Depression
  12. Völlige Erschöpfung

In den zwölf Phasen ist eine eindeutige „Entwicklung nach unten“ zu erkennen: Von der anfänglichen Arbeits-Euphorie und dem verstärkten Einsatz über die Verdrängung und Verleugnung der Probleme bis hin zur Verhaltensänderung, der inneren Leere und Depression in die völlige Erschöpfung. Wie wir sehen, gibt es hier kein Happy End, wenn nicht dagegen gesteuert wird.

Obwohl es noch irgendwo einen Antrieb gibt, kann nichts mehr bewegt werden. Aus diesem Grund wollen wir uns gemeinsam die Köpfe zerbrechen, welche Voraussetzungen wir schaffen können, um diesem Dilemma, vor dem niemand gefeit ist, zuvorzukommen.

Sinn oder „Nicht-Sinn“, das ist hier die Frage

Dieser Ansatz führt uns direkt zu einem hochinteressanten Vortrag vom Psychotherapeuten, Arzt und Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse Prof. Dr. Alfried Längle aus dem Jahr 2017. Im Rahmen der Präsentation des Buches (gemeinsam mit Ingeborg Künz) mit dem Titel „Leben in der Arbeit? Existentielle Zugänge zur Burnoutprävention und Gesundheitsförderung“ versteht es der ehemalige Wegbegleiter Viktor Frankls, das Publikum auf ganz besondere Weise in den Bann zu ziehen.

In dem Vortrag nennt er drei mögliche (!) Quellen, die aus existenzieller Sicht Burnout verursachen können, indem Betroffene ….

  • den Sinn ihrer Arbeit mit den vorgegebenen Zielen verwechseln
  • bei der Aufgabenerfüllung nicht mit dem Herzen dabei sind
  • von Vornherein an einem Mangel an Sicherheit, Vertrauen, Selbstwertgefühl oder Sinnhaftigkeit, etc. leiden

Einleuchtend erklärt er, dass ein Ziel meist einen Zweck darstellt, der einen nur funktionieren lässt. Beim Sinn hingegen gibt es einen Wert, der mich mit mir selbst abgleicht. Es ist also etwas sehr Persönliches und Individuelles, das von innen kommt. Demnach sind es wir selbst, die Sinn erzeugen.
Der Wissenschaftsautor Autor Jürgen Beetz hat den Unterschied so formuliert:

„‚Sinn und Zweck‘, das wird oft zusammen gebraucht. Ziel ist fern, Zweck ist nah. Sinn ist tief, Zweck ist flach. Ziel ist erreichbar, Sinn nicht. Sex im Alter ist zwecklos, aber nicht sinnlos. Sinn ist ein Füllstand in einem Gefäß – ein ‚erfülltes Leben‘, sagt man.“

Wie aber komme ich zum „vollen Gefäß“? Prof. Dr. Längle gibt uns folgende Fragen mit auf den Weg:

  • Will ich das?
  • Bin ich damit einverstanden, was ich tu?
  • Bin ich mit dem Herzen dabei?
  • Fühlt es sich gut an, was ich mache?
  • Erfüllt mich meine Aufgabe?
  • Macht sie Sinn?

Was aber, wenn dem nicht so ist? Wenn ich meine Arbeit nur noch erledige, anstatt sie zu erfüllen. Wo bleiben meine Gefühle, wenn ich meine Arbeit nicht mehr „erleben“ kann?

Die Antwort lautet: Dann werden wir nur noch funktionieren und können unser Schaffen nicht mehr fühlen. Dann ist auch der Sinn verloren gegangen, irgendwo zwischen den Aufgaben, die ja sonst keiner machen will und denen, wo uns das Herz aufgeht und für die wir leben.

In unserem Arbeitsalltag sind es oft diese Aufgaben, die zu erledigen sind, und einen großen Teil des Geschäfts ausmachen. Wenn sie über einen längeren Zeitraum hinweg als belastend empfunden werden, dann gilt es Vorsicht walten zu lassen, auf die Warnsignale des Körpers zu hören und rechtzeitig die imaginäre Notbremse zu ziehen. Stopp! Bis hierher und nicht weiter! Denn ab hier lebst du nicht mehr dein, sondern ein fremd bestimmtes Leben, an dessen Steuer ein Burnout sitzen könnte!

Sinn macht nur, wenn wir innerlich zustimmen

Wir haben verstanden, dass es auf niemand Geringerem ankommt als auf uns selbst. Auch so können wir uns schützen. Prof. Dr. Längle spricht hier von der inneren Zustimmung, die uns aus dem Dilemma retten kann. Sie ist es, die uns mit uns selbst verankert. Indem wir das Gefühl haben, dass etwas für uns stimmig ist, tun wir etwas freiwillig und gerne. Dann sind wir auch mit Engagement bei der Sache. Und das gesund!
Innerlich sagen wir dann:

  • Ja, ich mag das tun.
  • Es stimmt so für mich.
  • Es erfüllt mich.

Anstatt innerlich leer zu sein, sind wir erfüllt und stiften Sinn.

Nichtstun bei vollen Bezügen? Braucht es da überhaupt noch einen Sinn?

Während unserer Recherche zum Thema ist uns ein außergewöhnliches Stelleninserat untergekommen, worin man beim ersten Blick in Versuchung kommen könnte, auf das sinnvolle Tätigsein als Bestandteil eines erfüllten Lebens getrost verzichten zu können. Im Magazin Der Spiegel wurde die Besonderheit dieses Inserats – ein Projekt, das aus schwedischen Fördergeldern finanziert wird – folgend angeteasert:

„Suchen Sie nach einer neuen Herausforderung? Im Angebot: ein Vollzeitjob in Schweden – mit freier Zeiteinteilung, ohne Aufgaben oder Verantwortlichkeiten, ein Leben lang. Das Beste: Es gibt keinen Haken.“
Verlockend, nicht wahr? Es drängt sich die Frage auf, ob es fürs Nichtstun bei vollen Bezügen überhaupt noch einen Sinn braucht. Alles, was dieser Mitarbeiter/diese Mitarbeiterin tun muss, ist zu Beginn und zum Ende der Dienstzeit die Stechuhr zu bedienen. Und das: ein Leben lang.

Beim zweiten Blick scheint es sich schon eher um bezahlte Freiheitsberaubung zu handeln, die von extremer Langeweile gekennzeichnet sein könnte. Und das vermuten auch die beiden Künstler, die dieses Projekt ins Leben gerufen haben. Mit ihrem experimentellen Konzept namens Eternal Employment (Anstellung für die Ewigkeit) möchten sie aufzeigen, dass Boreout (durch Unterforderung) ein ernst zu nehmendes Berufsrisiko darstellt.

Wir fühlen uns bestärkt, dass wir zum Glück auch sinnerfülltes Arbeiten brauchen. Doch tun wir dies nur um unser selbst willen? Die Sinnforschung hat ergeben, dass es uns hier auf eine weitere Komponente ankommt.

Für die, die nachkommen

In einem Artikel der Zeitschrift ZEIT taucht im Zusammenhang mit der Frage, wie man „das wertvolle Gefühl des persönlichen Sinns“ eigentlich findet, ein zentraler Begriff auf:

„(…) die sogenannte Generativität. Damit ist das Bemühen gemeint, etwas an andere Generationen weiterzugeben und zum »großen Ganzen« beizutragen (…) Generativität hat also vor allem mit dem Gefühl zu tun, sich in einen größeren Zusammenhang eingebunden zu fühlen, der das eigene, begrenzte Leben überschreitet und der damit die individuelle Existenz mit Sinn erfüllt – selbst über den Tod hinaus.“

Wir arbeiten also nicht nur um unser selbst willen, sondern auch für die anderen, die nachkommen. Wir spielen beim Spiel um das „große Ganze“ mit, um einen Beitrag für die Nachwelt zu leisten. Irgendwie beruhigend!

Was für ein Zufall! Ist uns die Sinnfrage erst unlängst in Form von Sebastian Fitzeks neuem Buch begegnet. Nein, nein, keine Katastrophen, keine Flugängste und keine Leichen. Der Bestseller-Autor hat sich in „Fische, die auf Bäume klettern“ noch schwierigeren Fragen gestellt: den existenziellen! Ein sehr persönliches Vermächtnis an seine Kinder!

Zum Glück mit Sinn

Was es bedeutet, sinnstiftend zu arbeiten, kann nur jeder/jede für sich beantworten. Wir haben verstanden, dass es diese Dinge im Leben sind, die von innen heraus an unser eigenes Ich appellieren und uns mit Sinn erfüllen. Statt dem Was-macht-uns-krank sollte ein Was-hält-uns-gesund treten! Dann ist es vielleicht auch eine Spur einfacher, auf sich zu achten und mit sich selbst im Reinen zu bleiben.

Wenn wir unserer Arbeit innerlich zustimmen, sie fühlen und erleben können – wie es Prof. Dr. Alfried Längle eindeutig beschrieben hat – wird auch das gesunde Engagement einkehren und sich zuhause fühlen. „Das macht uns vielleicht weniger effizient, aber glücklich“, so die angenehme Stimme dieses interessanten Professors.

Wir wünschen dir und deinen Mitarbeiter n/-innen ein sinnerfülltes Schaffen und dass ihr gesund und glücklich bleibt.

Euer kununu engage Team.

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